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Zerbst: Auf den Spuren der Vergangenheit

Meine Heimatstadt ist bereits über 1000 Jahre alt

Heute besuchen wir spontan meine alte Heimatstadt Zerbst in Sachsen-Anhalt. Hier wurde ich geboren. Hier habe ich meine ganze Kindheit verbracht. Ende Februar mag alles noch etwas farblos wirken, aber wenn im Frühling alles zu grünen beginnt, erwacht die Stadt zu neuem Leben. Früher war Zerbst eine große und bedeutende Stadt. Noch heute erinnern Überreste an die im Mittelalter erbaute mächtige Stadtmauer mit ihren Toren und Türmen, die ehemaligen Klosteranlagen, die Kirchen und andere historische Bauten. Ein steinerner Roland wacht seit knapp 600 Jahren auf dem Marktplatz. Der symbolische Beschützer von Recht und Ordnung hat einige Jahrhunderte kommen und gehen sehen. Sicherlich könnte er einiges über den blühenden Handelsplatz im Mittelalter erzählen. Als stiller Zeitzeuge hat er nicht nur erlebt, wie Zerbst zur fürstlichen Residenzstadt wurde. Er war auch dabei, als 1891 die Pferdestraßenbahn eröffnet wurde und sie 1928 wieder eingestellt wurde. Er erlebte die fast vollständige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und sah beim anschließenden Wiederaufbau zu. Gemeinsam mit der goldenen Butterjungfer, die seit Jahrhunderten treu an seiner Seite steht, war er bei vielen geschichtsträchtigen Ereignissen dabei.

Der berühmte Schlosspark

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Zerbst schwer getroffen, auch das Residenzschloss blieb nicht verschont. Bis auf den Ostflügel musste es größtenteils abgetragen werden. Doch dank des Fördervereins Schloss Zerbst und zahlreicher Spenden und Förderungen konnten viele Maßnahmen ergriffen werden, um den noch stehenden Ostflügel wiederherzustellen. Inzwischen finden in den wiederhergestellten Räumen sogar wieder öffentliche Veranstaltungen statt. Wir spazieren durch den historischen Schlossgarten, in dem auch jährlich das berühmte Heimatfest stattfindet, und erinnern uns an unbeschwerte Kindheitstage. Der endlos lange Rodelberg entpuppt sich tatsächlich nur als kleiner Hügel, der uns heute ziemlich harmlos vorkommt. Die berühmte Zerbster Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst und spätere Zarin Katharina II (Katharina die Große), ging als eine der mächtigsten Herrscherinnen Europas in die Weltgeschichte ein. Ihr zu Ehren wurde 2010 vor der ehemaligen Reithalle des Fürsten Johann August von Anhalt-Zerbst eine 4,70 Meter hohe Bronzestatue aufgestellt.

Kindergarten und Schulzeit

Wir fahren durch die ganze Stadt und halten an verschiedenen Stationen. Die ehemalige Erich Weinert Schule am Amtsmühlenweg hat sich von außen nicht großartig verändert. Zu DDR-Zeiten wurde hier von der 1. bis zur 10. Klasse unterrichtet. Anfangs wurde auch noch samstags unterrichtet.
Nach der Wende endete die Zeit der Halstuch,- Blauhemd- und Fahnenappelle. Die POS wurde zur Astrid-Lindgren-Grundschule und neue Schulgesetze regelten zudem die verschiedenen Schularten. Die seit Jahren bestehenden Klassen wurden auf Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien verteilt. Die grenzenlose Freude darüber könnt ihr euch sicher vorstellen. Ich schlendere über den Schulhof des heutigen Francisceums. Er war gar nicht so verwinkelt wie gedacht und recht gut einsehbar. Diese Erkenntnis erklärte einiges. Insgesamt war meine Schulzeit eine verrückte Zeit, die durch die Wende stark geprägt war. Das alte Schulgebäude neben dem Rephuns Garten, einem denkmalgeschützten Stadtpark, sieht immer noch beeindruckend aus. Das aus Blumen dargestellte Stadtwappen wird bis heute liebevoll gepflegt.

Mit dem Bahnhof kann Zerbst nicht glänzen

Der Bahnhof hat auch schon bessere Zeiten erlebt und könnte etwas Aufmerksamkeit gebrauchen. Kaum zu glauben, dass hier noch Züge halten, denn wirklich einladend sieht es hier nicht aus. Auch der ehemalige Kindergarten ist kaum wiederzuerkennen. Der benachbarte freie Kindergarten sieht deutlich freundlicher aus und überzeugt mittlerweile seit über 30 Jahren mit seinem offenen Konzept.
Wir fahren weiter zur berühmten Friedensallee, die direkt am Waldfrieden grenzt. Im Moment sind die Bäume noch kahl und alles sieht ziemlich trostlos aus. Der Waldfrieden, der seinen Namen 1945 erhielt, trug bereits mehrere Namen. Ursprünglich als Hainholz bekannt, wurde er 1749 von Katharinas Mutter zu Ehren ihres Sohnes Johann Friedrich in »Friedrichsholz« umbenannt. Die Fürstin ließ Wege anlegen, ein Jägerhaus, einen Zwinger und ein Bruthaus für Fasane errichten. 1793 wurde dann im Jägerhaus eine Gaststätte eingerichtet, die bis 1990 ein beliebtes Ausflugslokal war. Heute ist davon nichts mehr zu sehen, denn das Lokal fiel einem Brand zum Opfer.
Der Feldweg zur Kiesgrube ist unverändert. Die Schlaglöcher sind anscheinend immer noch alle vorhanden. Unseren damaligen Badesee erreichen wir wie gewohnt im Schritttempo. 

Vertraute Ecken und gemeinsame Erinnerungen

Wir laufen zu unserem ehemaligen Wohnhaus. Der Zugang zum Hof ist versperrt, doch nach freundlicher Nachfrage wird uns der Zugang durch den Kellergang erlaubt. Der Innenhof mit der Gartenanlage war kaum wiederzuerkennen. Von den Gemüsebeeten fehlte jede Spur und die riesige Eiche wurde anscheinend bereits vor vielen Jahren gefällt. Wir suchen unsere alten Treffpunkte auf, setzen uns unter anderem auf die berühmte Bank und denken an alte Erlebnisse zurück. An dieser Stelle sende ich herzliche Grüße an alle Zeitzeugen, wo auch immer ihr alle seid – wir hoffen, es geht euch gut.

Lange nicht gesehen, aber sofort wiedererkannt

Bevor wir den Heimweg antreten, überraschen wir noch eine alte Freundin. Mit ihr haben wir wohl am meisten erlebt und teilen unzählige Erinnerungen. Das gemütliche Restaurant »Alte Frieda«, das Silvana gemeinsam mit ihrem Mann Mathias Fritze während der Corona-Pandemie eröffnet hat, ist wirklich empfehlenswert. Wir sind zum ersten Mal hier und fühlen uns auf Anhieb wohl. Das sage ich nicht nur, weil wir Silvana seit Jahrzehnten kennen, sondern weil es tatsächlich so ist. Überzeugt euch am besten selbst.
Vielen Dank für die Lacher und unsere kleine gemeinsame Zeitreise. 😘
Schön, dass wir dich mal wieder gesehen haben.

Die Sage vom Teufelstein

Einst schloss der Teufel mit den Bewohnern von Zerbst einen Pakt. Er wollte, dass die Stadt samt allen Bewohnern ihm gehörte, wenn es ihm gelänge, den Irrblock in einer Nacht um die ganze Stadt zu schleppen. Nur wenn es ihm nicht gelang, wollte er die Zerbster in Ruhe lassen. Sobald die Sonne untergegangen war, machte sich der Teufel ans Werk. Er wickelte eine lange Kette um den Stein und zog ihn mit aller Kraft um die Stadt. Als der Teufel beinahe sein Ziel erreicht hatte, krähte ein alter Mann laut wie ein Hahn. Erschrocken glaubte der Teufel, dass der Morgen schon angebrochen sei. Wutentbrannt ließ er den Stein fallen, zog fluchend davon und wurde nie wieder gesehen.  
Und die Moral aus der Geschicht? – Unterschätze die Zerbster nicht. 🤣